Zeitzeugenbericht von Frau Atzmon

Bericht Zeitzeugenvortrag am 24.11.16

In der Geschichte gibt es selten wirklich ganz Neues oder noch nie Dagewesenes und die Anfangszeit des Novembers lässt auch die Geschehnisse der Reichspogromnacht aus dem Jahr 1938 in Erinnerung treten. Auch hier wurden die Vorgänge innerhalb weniger Tage für viele Deutsche wirklich offensichtlich. In der Nacht vom 9./10. November wurden jüdische Geschäfte überfallen, Synagogen zerstört, Menschen verhaftet, verschleppt und getötet. Das Datum markiert einen Wendepunkt, an dem die Ausgrenzung und Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung abgelöst wurde durch offene, staatliche Verfolgung und eine stärker werdenden Einweisung in das Netz der Konzentrations- und Arbeitslager der nationalsozialistischen Regierung. Wenige Jahre später wird in der Zeit des Zweiten Weltkriegs schließlich der industriell gesteuerte Massenmord beginnen, der heute unter dem Begriff des "Holocausts" bekannt ist.

Frau Atzmon kam mit ihrem Mann Uri am 24.11.16 zu Besuch in die Mannlich-Realschule Plus, um den Schülern der Klasse 10 und der Berufsreifeklasse 9 über ihren Leidensweg in der NS-Zeit zu berichten. Nach den Bedrängnissen in der frühen Kindheit in Ungarn erlebt sie die Stationen der Verschleppung ins Ghetto nach Debrecen, dem Lager im österreichischen Strasshof, dem deutschen Konzentrationslager Bergen-Belsen und Transport ins befreite Konzentrationslager Buchenwald, von wo sie mit den Überlebenden ihrer Familie über Marseille schließlich 1945 nach Palästina ausreiste. Ende der 1980er Jahre begann sie ihre Erlebnisse schließlich mit den Mitteln der modernen Kunst zu verarbeiten und organisierte seitdem mehrere internationale Ausstellungen und Workshops. Die fünf anwesenden Klassen folgten sehr aufmerksam den Ausführungen Frau Atzmons und waren offensichtlich tief beeindruckt von den nüchtern, aber anschaulich und gut nachvollziehbar geschilderten Erlebnissen der prominenten Zeitzeugin. Die Schüler konnten sich nach dem Vortrag persönlich an Frau Atzmon wenden, darunter war auch die Frage, auf welche Weise die jungen Menschen zur aktuellen Friedenserziehung aus ihren Erzählungen lernen könnten. Zum Kern ihrer Botschaft gehört die Aussage "Nachfolgende Generationen sollen sehen und verstehen, wohin Hass und Aufwiegelung führen können". Ihr Ehemann Uri ergänzte, dass eine Wiederholung nur dadurch verhindert werden könne, indem jeder Einzelne Unrecht in seinem Umfeld aufzeigen und verhindern müsse.


Auch wenn es heute schwer vorstellbar erscheint, dass sich solche Verfolgungen wiederholen könnten, so gibt es doch sehr aktuelle Phänomene, die mit den modernen Begriffen des Mobbings oder der Rufschädigung namentlich belegt werden können, wie bereits Schulleiter Meier in seiner Begrüßungsansprache verdeutlichte. So gehört es zu den Aufgaben aller, in der Familie, in der Schule, auf dem Arbeitsplatz, aus der Anonymität herauszutreten und zu helfen, Unrecht dort zu verhindern, wo es in unserer nächsten Umgebung stattfindet. Dies bedeutet Mut, auch wenn er nicht einfach aufzubringen oder durchzuhalten ist.

Die Veranstaltung wurde eingerahmt von einem Liedbeitrag der Klasse 6g und der Schulband unter der Leitung Herrn Hoffmans, die reibungslose Organisation erfolgte durch Frau Schiller, Herrn Poersch, Herrn Merz und dem Hausmeister Herrn Schneider. Die Schülersprecherin Antigona Begu überreichte dem Ehepaar Atzmon als Dank einen Blumenstrauß.